Ladeburg – Geschichte und Geschichten aus vergangener Zeit, aufgeschrieben von Beate Thaute

Auf dieser Zeitreise in die Vergangenheit wollen wir mit vielen historischen Details und Fotos die Erinnerung an das damalige Leben in Ladeburg lebendig halten.

Dieses Foto ist in Höhe des ehemaligen Kolonialwarengeschäfts von Willy Perwitz in der Dorfstraße 3, heute Bernauer Straße 11, in Richtung Bernau aufgenommen. Das letzte Gebäude links war das ehemalige Gemeindehaus, heute befindet sich dort die   „Kita der kleinen Strolche“.

Im 16. Jahrhundert war die Funktion des Küsters bzw. Schullehrers in Preußen ein kirchlicher Dienst an der Gemeinde. Bis zum 19. Jahrhundert waren die Küster in vielen ländlichen Gebieten, so auch in Ladeburg, als Schullehrer tätig.  

 

Der Küster als Schulmeister

Im Dorf Ladeburg hatte der Küster/Schullehrer eine ganze Reihe an Aufgaben zu bewältigen, beispielsweise die Kinder im Lesen, Beten und Katechismus (Glaubenslehre) zu unterrichten, das Gotteshaus zu reinigen, das Opfergeld für den Pfarrer einzusammeln, Küsterdienste bei Kindstaufen, Trauungen, Beerdigungen und Gesänge bei bestimmten Anlässen zu tätigen, die Turmuhr zu stellen, zu reinigen und die Betglocke zu schlagen.

Morgen-, Mittag- und Abendgeläute in Ladeburg

Der Küster und Schullehrer im Ort hatte auch gleichzeitig die Kirchenglocken, sowohl an den Sonn- und Festtagen, sowie bei Trauungen und Taufen, also zu allen religiösen Feiern zu läuten. 

Seit alten Zeiten ist es mit dem Geläute so gehalten worden, dass der Küster des morgens 6 Uhr im Sommer und 8 Uhr im Winter mit der kleinen Glocke zur Schule einläutet, zu mittags die Betglocke angeschlagen und des Abends im Sommer 6 Uhr, im Winter 4 Uhr mit 2 Glocken vorgeläutet und hernach, mit der großen, die Betglocke angeschlagen hat.

Gleichfalls war das Morgen-und Abendgeläute um 1820 und danach noch Sitte und Gebrauch. Dieses Läuten gehörte jedoch nicht zu den religiösen Feiern und fiel an Sonn- und Festtagen, außer dem gottesdienstlichen Geläute, aus.

Nach und nach sollte in allen Gemeinden das Morgen – und Abendgeläut abgeschafft werden, Weesow und Willmersdorf waren hierbei die Vorreiter. 

Geschehen sollte dieses nach der Ansicht der Regierung des Königreiches Preußens, Abteilung Kirchenverwaltung und Schulwesen wohl am besten bei der Neubesetzung der Küster -und Schullehrerstellen mit der Begründung, dass die neu angestellten Lehrer und Küster von dieser Verrichtung, als für sie zu lästig, befreit werden.“   Otto Koch „Aus der Geschichte der Domdörfer Zepernick und Ladeburg“ S.92/119

Bis zum heutigen Tage gibt es keine landesweite einheitliche Regelung, die das morgendliche und Abendläuten im Barnim oder in anderen Regionen Deutschlands generell abgeschafft hätte.

Die Entscheidung, das Läuten einzustellen, trifft jede Kirchengemeinde für sich selbst, oft aufgrund von lokalen Gegebenheiten oder Vereinbarungen.

Seit 1820 und davor sind nun hunderte von Jahren vergangen und in Ladeburg läuten die Kirchenglocken wie eh und je täglich um 18.00 Uhr. Bis in die 1960er Jahre war es üblich, im Sommer 18.00 Uhr und im Winter um 16.00 Uhr zu läuten.

„Zur Ehre Gottes“ Ladeburger Kirchenglocke, eingebaut im Jahre 2010

Der Glockenklang hatte in der Geschichte aber auch verschiedene Funktionen, wie Ehren-, Schand-, Sturm-, Feuer-, Feierabend-, Bet-, Armesünder- und weiteres Glockenläuten.

Der Glöckner hatte damit kirchliche wie weltliche Verantwortung zu tragen.

Ladeburger Kirche um 1900 mit Kirchturmspitze

Nachweisung der Amtsgeschäfte des Küsters und Schullehrers in Zepernick und Ladeburg – eine Wissenschaft für sich

Auf Grund der so vielfältigen Aufgaben des hiesigen Küsters/Schullehrers in Ladeburg sind nur die Tätigkeiten aufgezählt, die mit der Läute Ordnung der Ladeburger Kirche zu tun haben:

  • Im Winterhalbjahr wird morgens um 8 Uhr und nachmittags um 4 Uhr mit der kleinen Glocke geläutet und mit der großen Betglocke geschlagen, und zwar in 3 Pulsen, davon jeder aus 3 Schlägen besteht.
  • Im Sommerhalbjahr dieselbe Verrichtung morgens und abends um 6 Uhr, außerdem um 12 Uhr die Betglocke anschlagen und die Turmuhr aufziehen.
  • An Sonn- und Festtagen fällt das Läuten und Anschlagen weg, dagegen wird am Sonnabend mit beiden Glocken zu Abend geläutet, jeder Festtag wird am Abend vorher durch 3 Pulse mit beiden Glocken eingeläutet.
  • Der Gottesdienst an den Sonn- und Festtagen wird durch 2maliges Vorläuten mit der großen Glocke in Zwischenräumen von einer halben Stunde bekannt gemacht und bei Ankunft des Geistlichen, der extra aus Zepernick nach Ladeburg kam, mit beiden Glocken eingeläutet.
  • Findet am Sonntag eine Kommunion später Konfirmation statt, so wird eine halbe Stunde vor Ankunft des Pfarrers mit der großen Glocke 1 Puls geläutet, bei der Ankunft des Geistlichen wieder 1 Puls, zur Beichte und nach derselben wird mit beiden Glocken geläutet.
  • Zu einer Trauung wird das Brautpaar mit beiden Glocken gerufen und dann mit der kleinen Glocke zur Trauung eingeladen.
  • Bei einer Taufe wird nach dem Gottesdienst durch einmaliges Läuten mit der kleinen Glocke zur Kirche gerufen.
  • Am Sterbetag eines Menschen werden vormittags von 11-12 Uhr 3 Pulse mit beiden Glocken geläutet. Erfolgt der Tod am Nachmittag, so bleibt das Geläute bis zum nächsten Tag zur angegebenen Stunde.
  • Findet die Beerdigung mit Predigt statt, so wird eine halbe Stunde mit der kleinen Glocke vor Ankunft des Geistlichen zur Zusammenkunft der Trauer-Versammlung geläutet.

Kirchenzucht und Strenge bei unsittlichem Lebenswandel

Sowohl in der Mutterkirche Zepernick als auch in der Tochterkirche Ladeburg wurde „unsittlicher“ Lebenswandel und so manches tragische Ereignis eisern geahndet.

Mutterkirche St.-Annen in Zepernick – Tochterkirche Ladeburg um 2024

Bei Selbstmorden:

Die Selbstmörder werden nicht kirchlich beerdigt, sondern an abgesonderter Stelle auf dem Kirchhof an der Mauer still beerdigt.

Bei Taufen unehelicher Kinder:

Die Mütter wohnen dem Taufakt nicht bei. Es dürfen nur drei und zwar verheiratete Paten geladen werden.

Gefallene Brautpaare:

Bei dem kirchlichen Aufgebot wird das Prädikat „Ehrbarer und wohlgeachteter Junggeselle“ bzw. „Ehrbare und tugendsame Jungfer“ fortgelassen. Die Braut wird ohne Kranz getraut und bei Eintritt in die Kirche vom Geistlichen nicht empfangen, die Altarkerzen werden nicht angezündet (in Ladeburg waren es 6 Paare seit 1852). Der Pfarrer und Küster wohnen dem Hochzeitsmahl nicht bei.

Die Glocken läuten bei den oben genannten Beispielen nicht.[1]

Gegen diese Maßnahmen entwickelten sich Ende der 1880er Jahre zunehmend Proteste, insbesondere freisinnig eingestellte Brautpaare äußerten sich dazu.

So kam schon mal der Spruch „… die Kirchenglocken seien schließlich für alle da“ keck über die Lippen junger Bräute.

Hochzeit Karl Bielicke Anfang der 1920er Jahre

Ein paar Zahlen zur Statistik in Ladeburg um 1850/1870

  • Ladeburg hat 470 Einwohner, an gewöhnlichen Sonntagen gehen 70 bis 100 zum Gottesdienst, an den Fest- und Feiertagen 150 bis 170, die Kinder sind hierbei nicht mit eingerechnet. Also die Kirche ist gut gefüllt, mit Beginn des Gottesdienstes sind alle Kirchenbesucher zur Stelle. Während des Gesanges kommt niemand mehr, aber neuerdings haben sich jedoch einige modische Herren herausgenommen, während des Eingangsliedes, und selbst beim Beginn der Liturgie (gemeinsames Beten und Singen) erst zu kommen.
  • In Ladeburg wird das Stoßen der Betglocke am Ende des Gottesdienstes durch die schlechte Lage des Glockenthurms (Einsturzgefahr) verhindert.
  • Gebetet zu Tisch wird nur in wenigen Familien, gesungen noch weniger. Die Bibel, gute Predigt – und Gebetsbücher sind in fast allen Häusern vorhanden.
  • Der Mann, als Wirth, ist sich seiner Stellung als Haupt der Familie, auch der Frau, bewusst und tritt als solcher auch der Frau gegenüber auf. 
  • Die Kinder halten die Eltern in Ehren, das Altsitzverhältnis wird noch nach alter Sitte geordnet.
  • Vorwiegend isst das Gesinde mit der Familie zusammen an einem Tisch, in der Arbeit wird kein Unterschied zwischen Kindern und Dienstboten gemacht.
  • Der Bauer arbeitet noch mit und voran, außer der Arbeitszeit gehen die Dienstboten an den Wochentagen wie an den Sonntagen ihren Vergnügungen nach.
  • In Ladeburg gab es seit 1852 bis in die 1880er Jahre sechs Paare ohne die kirchlichen Ehren und 4 uneheliche Kinder sind auf die Welt gekommen.
  • Bettler gibt es keine im Dorf, doch zunehmend ziehen Bernauer Bettler durch Ladeburg.
  • Der Segen der Reinlichkeit für Haus und Wirthschaft wird immer mehr von den Dorfbewohnern erkannt, der Hang zum Luxus, Verschwendungssucht sind noch nicht eingerissen.
  • Die Neigung zum Geiz ist aber ziemlich verbreitet.[2]

Der erste Hinweis auf eine Küster- oder Lehrerstelle in Ladeburg gab es 1541, doch da es an einer Unterkunft für den Küster fehlte ist unklar, ob überhaupt Unterricht stattgefunden haben kann.

Das erste Küsterhaus bzw. Schulgebäude wurde erst 1600 am Dorfteich gegenüber der Kirche in der heutigen Straße „An der Kirche“ erbaut. Da er das Gebäude selbst erbaute, verdanken wir der Forderungen seiner Auslagen gegenüber der Kirchengemeinde die dokumentarische Erwähnung.

Die Namen der Küster kennen wir seit dem Jahre 1670, in dem der Küster Hans Schumann († 1688) erscheint. Er beklagt beim Domkirchenkollegium, dass seine Gebühren so schlecht eingingen und er kaum bestehen könne.

Erst 17 Jahre später trat an einem Dingetag (Gerichtstag) in Ladeburg auf der Dorfaue eine neue Verordnung zum Schulgeld und weitere Abgaben für den Dienst des Küsters/Schullehrer in Kraft, die seinen Lebensunterhalt sichern sollte. Für Schuhmann kam die Anordnung zu spät, er verstarb 1688.

1687 trat Daniel Tismar an seine Stelle. Die Ladeburger und Tismar wurden über Jahre hinweg nicht warm miteinander. Sie beschwerten sich, weil Tismar wochenlang sich nicht sehen ließ, keinen Gottesdienst abhielt und die Kinder unter sich aufsagen üben mussten. Tismar sollte abtreten, aber die Ablösung zog sich über fast 13 Jahre hin.

Als Nachfolger war auf Empfehlung des Ortspfarrers Hieronymus Otto an das Domkirchenkollegium Jacob Friedrich Kipke aus Schmöckwitz genannt. Aber auch bei Kipke bahnte sich das nächste Ungemach an, beim Probesingen und Ablesen in der Kirche hatte er sehr schlecht bestanden und die Ladeburger wollten ihn daraufhin nicht!

Die Kirche setzte sich durch und Kipke bekam die Berufung zum Küsterschullehrer, worauf die Ladeburger sich weigerten den Küster und seine Sachen aus Schmöckwitz zu holen.

Das Domkapitel nahm daraufhin das Domdorf Ladeburg in Strafe und ordnete an:

„Das zwei Wagen am 7.4.1701 zur Abholung des neuen Küsters nach Cölln an der Spree gesandt werden. Den einen Wagen sollte der Schulze Andreas Wegener und den anderen Peter Liesegangstellen.“

Dem Schulzen und Gerichtsschöppen wurden wegen Ungehorsams 3 Taler Strafe auferlegt.

Es kam, wie es kommen musste, mal beschwerte sich der Lehrer das die Kinder nicht zur Schule kommen, mal beschwerten sich die Ladeburger, er wolle Neuerungen einführen, die Kirche nicht ausfegen und niemals den Schnee vom Kirchboden herunterwerfen und schläget den Kindern Löcher in die Köpfe.

„Als Küster sollte er alle Morgen die Mette läuten und die Betglocke schlagen, was er aber nicht tue!“

Zu dieser Zeit litt Ladeburg noch unter dem Spottnamen „Verkehrt Ladeburg“, warum? Auf eine mögliche Erklärung weist der einstige hölzerne Kirchturm hin, der bis 1840 auf der verkehrten Seite, der Morgenseite (Osten) der Kirche stand – aber der Turm hat eine eigenständige Geschichte.

 Aufzeichnungen von Pfarrer Ulrich Hasse zur Ladeburger Kirche /2003

Für Kipke war es ein sehr beschwerliches Leben in Ladeburg, fast 39 Jahre diente er der Gemeinde, im Jahre 1739 legte er sein Amt „alter- und schwachheitshalber“ nieder.[3]

Zumal musste er sich mit der zerborstenen Mittelglocke um 1730 und den Reparaturarbeiten am hölzernen Turm um 1736 im hohen Alter herumschlagen.

Ihm folgte im gleichen Jahr der Küsterschullehrer Johann Peter Lindenberg, er heiratete die Tochter seines Vorgängers, Margaretha Kipke. Er bekleidete das Amt bis zu seinem am 5. April 1775 erfolgten Ableben, 36 Jahre lebte er mit seiner Familie in Ladeburg in der ersten Schule am Dorfteich gegenüber der Kirche. Er vergrößerte dieses Schulgebäude 1754 auf eigene Kosten um eine Stube und eine Kammer.

In weiser Voraussicht ermöglichte Johann Peter Lindenberg seinem Sohn Johann Friedrich Lindenberg eine 5jährige Ausbildung am „Joachimsthal´schen Gymnasium“ und wünschte, dass der Sohn seine Nachfolge antreten würde.

Nach einer holprigen Bewerbung beim Domkapitel in Berlin erhielt Johann Friedrich Lindenberg am 22.6.1775 seine Berufungsurkunde für Ladeburg. 1791 ist in einem Protokoll zu lesen, dass die Kinder alle fertig im Lesen, im Aufschlagen und auch eine gute Kenntnis hatten.

Die Armut war ein bezeichnendes Bild aus der Zeit im 18. Jahrhundert und zeigt, wie die Küster auf kümmerlichste Art leben mussten.

Johann Friedrich Lindenberg machte sich in Ladeburg um die Maulbeerzucht verdient (siehe unter ladeburg.de den Beitrag: „Ein Kokon für Ladeburg – die Geschichte der Seidenraupenzucht Teil 1“).

Fast zwei Jahrzehnte quälte er sich mit den Seidenraupen, ohne auf einen grünen Zweig zu kommen.

Die trostlose Lage Lindenbergs wird noch schlimmer, als er im Jahre 1813 beim Heruntersteigen der beschwerlichen Kirchturmtreppe (Es war noch der hölzerne Kirchturm auf der Ostseite!)  schwer verunglückt sei. Am 18.1.1814 starb Johann Friedrich Lindenberg.

Die Ladeburger Dorfaue um 1750, links die Schule am Dorfteich, die Kirche mit stark beschädigtem Kirchturm auf der Ostseite/ Zeichnung von Delia Pruß 2023

Sein vierter Sohn, Friedrich Wilhelm Lindenberg, bekam nach mehreren Prüfungen am 3.9.1817 durch die Kurmärkischen Regierung Potsdam die Küster/Schullehrerstelle in Ladeburg zugesprochen. Ihm ist ein großer Anteil am Erhalt der Bildung und des guten Sinnes im ganzen Dorf zuzuschreiben.

Friedrich Wilhelm Lindenberg verstarb am 1.5.1849, mit ihm endete nach 110 Jahren die Lindenberg´sche Küster/Schullehrer Ära. Die Einweihung des Kirchturmes auf der Westseite im Jahr 1853 erlebte er nicht mehr.

Im Oktober 1849 trat der 22jährige Seminarist Albert Theodor Schultze aus Crielow bei Brandenburg seine Nachfolge an. In einem Dokument vom 31. Oktober 1852 ist vermerkt: „So lange der als berufner Küster und Schullehrer Schultze seinen Verpflichtungen treulich nachkommt, sollen ihm alle mit dem Amte bisher verbundenen Einkünfte an Nutznießung, Naturalien, an barem Gelde und Accidenzien gereicht werden.“

Verbrieft und versiegelt bestätigen dies der Ladeburger Kirchenvorstand am 31. Oktober 1852, Prediger W. Franke, Noack und Böhme sowie der Schulvorstand daselbst W. Franke als Prediger, Steurich als Lehnschulze und Noack als Kirchenschulvorsteher

Seit den 1820/30er Jahren wird berichtet, dass der hölzerne Turm stark beschädigt ist und auch die Westfront der Kirche gefährliche Risse aufweist, so entschließt man sich zum Umbau. Der alte Turm wird abgerissen, der Westgiebel neu hochgezogen und zugleich erhält die Kirche einen neuen Turm an der „richtigen“ Seite.

Kirchweihfest war am 18. Dezember 1853 und Ladeburg verlor den Spottnamen „Verkehrt Ladeburg“.

Nach 48jähriger Dienstzeit trat Schultze am 1.4.1898 in den Ruhestand.

Sein Nachfolger als Lehrer wurde der damals 27jährige Carl Miesch aus Schönfeld im Jahr 1898. Ihm folgte 1933 der Hauptlehrer Wolter aus Göhlsdorf.

Ladeburger Schulklasse Anfang 1900/1910, links steht Lehrer Karl Miesch vor der im Jahr 1864 erbauten „Neuen Schule“

Ob die Schullehrer Miesch und Wolter während ihrer Amtszeit auch die Glocken betätigten, ist nicht überliefert.

Um eine Kirchenglocke per Hand zu läuten, wird ein Seil verwendet, das mit dem Joch oder einem Läutearm der Glocke verbunden ist. Durch Ziehen an dem Seil wird die Glocke in eine schwingende Pendelbewegung versetzt, bis der Klöppel den Glockenrand anschlägt. 

Ein Anheben des Seils entspricht dem Aufwärtsschlag der Glocke, und das Herunterlassen dem Rückzug. Der Klöppel schwingt innerhalb der Glocke gegen den Rand und erzeugt den Ton. 

Die Ladeburger Kirchenglocken 2025 „Zur Ehre Gottes“ linke Glocke (2010) „Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“ Luther lt. Bibel Lukas 2,14 rechts auf dem Foto

Maße der Glockenstuhlebene aus dem Jahr 2005

Die Länge des Seils wurde der Ladeburger Kirche angepasst und führte über sechs Ebenen bis in den Eingangsbereich des Kirchenturms.

Auszüge aus dem Sanierungskonzept ev. Kirche Ladeburg Ing. Büro IBS, Hoppegarten 2005

Gewagter Aufstieg kurz vor der Glockenebene

Das Seil (ca. 20 m lang) wurde durch das recht abenteuerliche Treppensystem geführt, dazu befanden sich Löcher in den dafür vorgesehenen Treppenstufen, die teilweise mit Keramikhülsen und Holzringen zum Schutz des Seils ausgekleidet waren oder nur als Führungsloch noch heute vorhanden sind. 

Der Großvater von Manfred Gosch war um die Jahrhundertwende Nachtwächter in Ladeburg. Albert Gosch lebte um 1900 mit seiner Familie im Armen- und Büdnerhaus (heute oft Hexenhaus genannt) in der heutigen Bernauer Straße 34, dass um 1800 erbaut wurde. Zu dieser Zeit lebten im Dorf 691 Seelen.[4]

Jeden Tag machte er seinen Rundgang durch Ladeburg, achtete auf Schließzeiten und ob bei Festen die  Polizeistunde eingehalten wurde. Auch musste er ab und an einen „Verbrecher“ bewachen, der im sogenannten „Knast“ verwahrt wurde oder sich zur Ausnüchterung dort aufhielt. Dieser Raum befand sich auf der Giebel-Seite mit Blick zum ehemaligen Bauernhof Blankenburg/Schulz.

Er war mit Bertha Luise Perl verheiratet, die aus dem Hause Schiemann/Hübner in der Rüdnitzer Straße stammte. Gemeinsam hatten sie sechs Kinder. Der jüngste Sohn Willi wurde im Jahr 1909 geboren und heiratete später die aus Lanke kommende Hedwig Koloff, gemeinsam hatten sie vier Kinder, drei Mädchen und als Nesthäkchen kam 1948 Manfred auf die Welt.

Getraut wurden beide von Pfarrer Reinhard Brandenburg, der in der Zeit von 1893 bis 1924 in Zepernick und Ladeburg als Pfarrer tätig war.

Nachruf aus dem Jahr 1927

Hauptberuflich arbeitete Willi Gosch als Küster in der St. Marien-Kirche in Bernau und betreute nebenbei auch die Ladeburger Kirche. Er leistete Dienste als Glöckner, bereitete die Gottesdienste vor, wozu auch das Öffnen und Schließen der Kirche, das Anzünden der Kerzen, das Stecken der Liedtafeln und auch das Heizen gehörte.

Frau Rabenau, die Gattin des Schmiedemeisters Gustav Rabenau, wohnte gegenüber der Kirche und sorgte in der Regel für den Blumenschmuck auf dem Altar. Zum Erntedankfest schmückten Ladeburger Frauen diesen.

Im Jahr 1945 wurde die größere der zwei Glocken durch Beschuss beschädigt und durfte nicht mehr geläutet werden.

Das Läuten der kleinen Kirchenglocke, im Sommer um 18 Uhr und im Winter 16 Uhr, gehörte zum täglichen Ritual, wie zuvor beschrieben.

Die Seile waren im Turmeingangsbereich an der Wand befestigt, somit war ein täglich beschwerlicher Aufstieg in den Turm selbst nicht nötig. Damals erreichte man den Glockenturm über die Empore, dort befand sich die Tür zum Glockenturm.

Tür zum Glockenturm

 Anfang der 1960er Jahre hing auch der Sohn Manfred ab und an mit Freunden in den Seilen, um die Glocken zu betätigen. Es war wie bei den „Heiden von Kummerow“.

Bis zum Rentenalter, Mitte der 1970er Jahre, war Willi Gosch aktiv in der hiesigen Kirche, Herr Münster, als Standesbeamter in Ladeburg, vertrat in ab und an.

Danach verwaltete und pflegte Willi Gosch den Ladeburger Sportplatz. (Kindheitserinnerungen, erzählt von Manfred Gosch, als Sohn des Glöckners, im November 2025.)

Mitte der 1960/70er Jahre erfuhr die Kirche umfassende Aus- und Umbauarbeiten, die sich bis Mai 1983 hinzogen. (Aber das ist eine eigenständige Geschichte.)

Nach Wiedereröffnung der Ladeburger Kirche zu Pfingsten 1983 war nichts mehr, wie es einmal war. 

Die Grundinstandsetzungsarbeiten erfolgten ohne denkmalpflegerische Begleitung und Interesse, Jahrhundert Jahre alte Ladeburger Zeitzeugnisse verschwanden irgendwo im nirgendwo für immer!

Als Nachfolger von Willi Gosch trat Günter Laudon 1983 den Dienst als „Glöckner“ an. Die Familie Laudon wohnt gegenüber der Kirche und war immer sofort zur Stelle, um auszuhelfen oder die Sterbeglocke zu läuten. Diese wurde morgens um 8.00 Uhr für fünf Minuten 3x geläutet, dann wurde 10 Minuten pausiert und nochmals fünf Minuten geläutet.

Die Arbeit als „Glöckner“ hatte sich verändert, die Glocke wurde nun nicht mehr per Hand geläutet, sondern bekam im Zuge der Umbauarbeiten einen Elektroantrieb mit Zeitschaltuhr. In den 1990er Jahren wurde diese durch eine elektronische Zeitschaltuhr ersetzt.

Die Gottesdienstvorbereitungen sind hingegen nach altem Ritual geblieben, das Heizen der Öfen wurde durch Herrn Laudon nach den erforderlichen Arbeitsschritten ausgeführt, es war eine Wissenschaft für sich. Hielt man diese nicht ein, war die Kirche verqualmt. Es war schwere Handarbeit, denn zentnerweise musste die Kohle per Hand erst in den Kohlenschuppen, dann aus dem Schuppen in die Kirche gekarrt werden.

Günter Laudon übergab aus gesundheitlichen Gründen in den 1990er Jahren das Amt an seinen Sohn Volkmar Laudon weiter, er ist auch heute noch immer der Ansprechpartner, „wenn es brennt“.

Im Jahre 2010 kam wieder eine zweite Glocke dazu und somit gehört das „Glockenläuten“ in Ladeburg weiterhin zum Alltag, nur werden sie automatisch oder per Knopfdruck in Gang gesetzt. (Erinnerungen, erzählt von Volkmar Laudon, Sohn des letzten Glöckners von Ladeburg.)

Das manuelle Läuten wird oft als lebendiger und gefühlvoller empfunden als das automatisierte Läuten, der Beruf des „Glöckners“ ist heute so gut wie ausgestorben.

Zeugin der Zeit, das ist eine der Glocken, die feierlich mit Pferd und Wagen und großem Geleit am  13. Dezember 1929 nach Ladeburg geholt wurde. Heute hat sie einen Ehrenplatz in der Kirche. „O Land, Land höre des Herrn Wort. Geopfert für Deutschlands Wehr. Neu entstanden zu Gottes Ehr. 1917 – 1928“

Auf diesem Wege möchte ich mich bei Manfred Gosch und Volkmar Laudon, als Kinder der letzten aktiven ehrenamtlichen Glöckner von Ladeburg, für die Mitteilungen aus ihrer Kinder- und Jugendzeit auf diesem Wege bedanken.  Beate Thaute

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ohne Zustimmung der Autorin ist unzulässig.

Fotos: Privatsammlung Familie Dieter Thaute, soweit nicht anders angegeben Beate Thaute, Ladeburger Familien, St.-Annen Kirche: Zepernicker Kirchengemeinde, Jürgen Bischoff, 

Literaturnachweis: Auszüge aus „Ladeburg – eine Zeitreise“, Petra Domke, Hrsg. Beate Thaute, Verlag Spree – PR, Berlin 2005; Kreiskalender Oberbarnim 1931, „400 Jahre Schulgeschichte“ Beate Thaute


[1] Otto Koch, „Geschichte der Domdörfer Zepernick und Ladeburg“ S.92/119/194

[2] Rolf Gerlach, „Zepernick b. Berlin, das Domdorf im Spiegel alter Akten“ S.337/338

[3] Rudolf Schmidt, „Amtsdörfer im Kreise Oberbarnim“ Band 1, S. 228

[4] Rudolf Schmidt,  – „-, S. 233